90-9-1 war gestern

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Im Jahr 2006 hat Jakob Nielsen die 90-9-1-Regel formuliert. Diese besagt, dass in großen Online-Communities 90 Prozent der Mitglieder die bereitgestellten Informationen ohne selbst etwas beizutragen nutzen, 9 Prozent der Mitglieder gelegentlich einen Beitrag leisten und 1 Prozent der Mitglieder für die Inhalte verantwortlich sind. Da es in jeder Online Community nach Jakob Nielsen ein “Ungleichgewicht der Partizipation” geben wird empfiehlt er verschiedene Maßnahmen (Einfachheit der Anwendung, Partizipation als Nebeneffekt, mehr Editiermöglichkeiten auf Basis von Vorlagen, Realisierung von Belohnungssystemen und Verbesserung der Reputation) zur Verbesserung dieses Verhältnisses.

Marktforscher reagierten auf dieses “Ungleichgewicht in der Partizipation” mit der Empfehlung einer angepassten Gestaltung der Social Media-Kanäle, die auf einer Segmentierung der Konsumenten nach Persönlichkeitstyp, Bedarf, demografischen Bedingungen oder präferiertem Verhalten in der Onlinewelt aufbaut. Prominentestes Beispiel für einen entsprechenden Segmentierungsansatz ist das Social Technographics-Konzept, das in Form einer Leiter die unterschiedlichen Formen der Nutzung von Social Media und dem Web im Allgemeinen verdeutlicht.

Auch in Unternehmen, beispielsweise bei unternehmensinternen sozialen Netzwerken oder kollaborativen Intranets, gilt vom Prinzip diese Regel, wobei man hier ergänzend mit organisatorischen Ansätzen (z.B. Zielvereinbarungen, Rollenbeschreibungen) und Motivationskonzepten auf eine Verbesserung der “Mitmachquote” hinwirken kann. In jüngster Zeit findet man in diesem Zusammenhang auch immer wieder Überlegungen zu einer Gamifikation von Unternehmensanwendungen.

Nach einem aktuellen BBC Online Briefing ist es heute aber nicht mehr gerechtfertigt von einem “Ungleichgewicht der Partizipation” zu sprechen, sondern man sollte von einer “Wahlmöglichkeit der Partizipation” ausgehen.

BBC Participation Choice

Nach den jüngsten Daten aus UK ist die 1%-Regel veraltet, da sich heute bereits 17% der Menschen intensiv im Social Web beteiligen. 60% der Menschen machen mit, indem sie die durch die technologische Weiterentwickung heute viel einfacheren Möglichkeiten nutzen, um beispielsweise Photos hochzuladen, eine Diskussion zu starten oder eine Gruppe anzulegen. Trotzdem bleiben 23% der Menschen passiv und beteiligen sich überhaupt nicht. Interessant an dieser Gruppe ist, dass man hier nicht nur “digital unerfahrene” Menschen findet. 11% der Menschen dieser Gruppe sind frühzeitige Anwender (“Early Adopter”), gehören also zu den Innovatoren, die für neue Produkte und Ideen prinzipiell sehr aufgeschlossen sind. Diese haben sowohl der Technologien als auch die Fähigkeiten die Möglichkeiten, haben aber entschieden, sich nicht zu beteiligen.

77% der Menschen sind heute nach diesen Zahlen in irgendeiner Form in sozialen Medien aktiv. Keine schlechten Voraussetzungen für Enterprise 2.0 und Social Business in den Unternehmen. Zumindest ist es schwerer geworden, sich mit der 90-9-1-Regel herauszureden, falls die Mitmachmöglichkeiten im Unternehmen nicht genutzt werden. Die Feststellung von Holly Goodier ist auch auf Unternehmen übertragbar:

Digital participation now is best characterised through the lens of choice. These are the decisions we take about whether, when, with whom and around what, we will participate. Because participation is now much more about who we are, than what we have, or our digital skill.

Bildnachweis – Bild oben: aboutpixel.de / Gleichgewicht suchen V © Rainer Sturm

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  • Thomas Wenzlaff

    Habe aber “heute” dazu eine Mindmap erstellt siehe http://blog.wenzlaff.de/?p=2245

  • Die Frage ist also, wieso noch immer vergleichsweise viele (23%) nicht aktiv teilnehmen, obwohl dies technisch sehr leicht möglich ist. Die meisten dieser 23% sind sich bewusst, dass sie in der nämlichen Situation eigentlich nichts zu sagen haben, nichts beizutragen haben. Dies lässt sich auch positiv ausdrücken: Sie merken, dass ein Kommentar von ihnen keinen eigentlichen Beitrag zur jeweiligen Gesamtsituation leistet. Das ist wie früher auf dem Schulhof. Die Gescheiten schweigen die meiste Zeit. Aber wenn sie sich äußern, wird es meistens spannend.